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01. November 2025

Als Pilger der Hoffnung an den Gräbern

Predigt von Domkapitular Dr. Thomas Frauenlob
bei der Gräbersegnung Allerheiligen 2025

Lesung: (1. Thes 4,13-18)

Liebe Schwestern und Brüder!
2025 ist ein Heiliges Jahr, genauer ein „Heiliges Jahr der Hoffnung“, in dem alle Katholiken, ja alle Christen von Papst Franziskus und Papst Leo aufgerufen sind, Pilger der Hoffnung in dieser Welt zu sein. Das Pilgermotiv kommt vom uralten Brauch, eine Wallfahrt in das Heilige Land oder an die Gräber der Apostel nach Rom zu unternehmen. Seit jeher sind die Christen in die Ewige Stadt gewallfahrtet, um an den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus zu beten. Am Grab fühlten und fühlen sich die Pilger diesen mächtigen Glaubensvorbildern näher als sonst wo. Die Gräber als letzte Ruhestätte der Gebeine von Märtyrern waren ein kleines Stück Himmel auf Erden. Die Pilger spürten eine Glaubensvergewisserung, es hat Mut gemacht, Trost gespendet und die Hoffnung auf das eigene Heil gestärkt.

Optimist ist kein Hoffender

„Pilger der Hoffnung“ zu sein meint also deutlich mehr als eine Reise zu unternehmen, es ist ein Lebensentwurf. Unser irdisches Leben ist für Menschen mit Glauben und Hoffnung mehr als ein zufälliges auf Erden-Sein, das irgendwann mit dem Tod endet. Der Mensch verschwindet nach mehr oder weniger qualvollem Dasein im Nichts und irgendwann frisst die Zeit auch die Erinnerung an ihn auf. Solche Existenz hinterlässt keine Spuren.

Nein, wir sind Pilger auf Erden. Pilger haben ein klares Ziel vor Augen, das Paradies, den Himmel, die Ewigkeit – oder wie immer man diese Verheißung nennen mag. Wer eine solche Hoffnung hat, ist also ein Optimist? Nein, der Optimist erwartet passiv, dass letztlich alles irgendwie gut wird. Der Hoffende hat die Überzeugung, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht (vgl. Vaclav Havel). Hoffnung befähigt zum Handeln, da sie dem Leben Sinn verleiht und auch unter schwierigen Umständen bestehen kann. Pilger der Hoffnung sind beseelt und in der gläubigen Gewissheit, dass es hinter dem Horizont des Todes weitergeht.

Die pilgernde Kirche aus Hoffnung

Pilger der Hoffnung sind nicht allein, sondern gemeinsam unterwegs, sie stützen sich und ermutigen sich. In der pilgernden Kirche gilt es, achtsam zu sein, aufeinander zu warten und zu teilen, was zum Leben nötig ist. Die Kirche ist ihrem Wesen nach eine solidarische Gemeinschaft von Pilgern mit gleicher Überzeugung, Ethos und der Erwartung von Sinn über den Tod hinaus.

Pilger brauchen Pausen, denn Geist und Seele müssen gelegentlich durchatmen. Unsere Kirchen sind Rastplätze der Seele mit stiller Bedienung – so habe ich kürzlich gehört.

Das Grab als Zeichen der Hoffnung

Als solche Pilger halten wir an Allerheiligen und Allerseelen eine Weile an den Gräbern unserer Lieben. Wie seit jeher sind wir unseren Verstorbenen hier näher, sie treten in unserer Erinnerung wieder vor unser inneres Auge. Uns vorausgegangen waren sie Träger einer Hoffnung, die sich an ihnen schon erfüllt hat. Sie schauen auf unseren Pilgerweg aus dem Jenseits. Sie vermögen uns zu helfen.

Wenn wir heute als Pilger der Hoffnung an den Gräbern eine Rast einlegen, dann soll unsere Seele aufatmen, Trost erfahren und das große Ziel neu in den Blick nehmen. Dies geschieht in aller Öffentlichkeit und gibt so ein Zeugnis von der Hoffnung, die uns bewegt und unsrem Leben Sinn gibt. Möge es Menschen zum Nachdenken bringen, über die eigene Hoffnung und den Mut, den es in unserer Welt dazu braucht. Unsere Vorfahren haben dies getan. Seien wir dankbar für diesen guten Brauch und würdig unseren Ahnen. Amen.

Bericht & Bilder: Dr. Thomas Frauenlob